Irene
Stratenwerth, Thomas Bock:
Die
Bettelkönigin
103
Seiten,
Psychiatrie-Verlag,
Bonn 2001
24.80 DM
Endlich gibt es sie wieder, die Bettelkönigin. Nachdem Hildegard Wohlgemuth, die Hauptperson dieses Buches ist, im Fernsehen zu sehen war, war das Buch ratzfatz weggekauft. Der Psychiatrie-Verlag macht es mit seiner Edition Balance nun möglich, die wundersame Geschichte als bezahlbares Taschenbuch zu erwerben.
Die Bettelkönigin steht auf dem Marktplatz, hat zwanzig Kleider übereinander gezogen. Sie ist eine kugelrunde alte Frau. Auf dem Schild, das sie sich umgehängt hat, bittet sie die Passanten um Geld für Filzstifte. Sie, die sich die Schizophrene nennt, malt. Sie malt skurril und naiv anmutende Bilder des Grauens und der Hoffnung. Als Farbreproduktionen sind sie mit in dieses Buch gebunden. Finchen, ein kleines Mädchen, ist die Freundin dieser alten Frau. Doch Finchen ist plötzlich verschwunden. Und auch die Bettelkönigin ist weg. Gesucht werden sie von drei Kinderdetektiven. Ein spannender Krimi quer durch Hamburg beginnt. Er führt uns zu Punkern und Paukern, durch Hochhausghettos, zeigt uns längst vergangen geglaubte Bombennächte des Zweiten Weltkrieges um uns dorthin zu führen, wo alles ausnahmsweise glücklich endet, in der Psychiatrie.
Dieses Buch ist gleichermaßen für Kinder wie für Erwachsene geschrieben. Ohne Hemmungen empfehle ich es als psychiatrisches Fachbuch. Es beleuchtet eindringlich die Ursachen psychotischen Erlebens, es zeigt liebevoll ganz individuelle Wege aus diesem Leid und es beschreibt die Fähigkeiten, die die sogenannten Schizophrenen besitzen. Insofern ist es ein typisches Buch von Thomas Bock, der mit seinen Publikationen einen wichtigen Beitrag zum Psychoseverständnis geleistet hat. Aber auch Kindern wird nicht nur Verständnis bezüglich einer Randgruppe vermittelt, auch Unverständnis gegenüber der Erwachsenenwelt, die eben so sein muss, wie sie ist. Die Helden dieses Romans sind die Irrenden und die Kinder: inhaltlich und stilistisch hab ich beim Lesen an einen meiner liebsten Schreiber gedacht, an Erich Kästner.
Lutz Debus
in:
therapie kreativ, Affenkönig Verlag, Neukirchen-Vluyn, Heft 31, S. 80